Nationale – Halbfinale

 

Es ist 20 Uhr und ich mache mich auf den Weg. Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland. Ich freue mich auf ein schönes Spiel, steige auf mein  Fahrrad und radle los. Je näher ich in die Innenstadt komme, je mehr Fans sehe ich. Alle in Schwarz Rot Gold. Ich sehe keinen wie mich. Keinen in den Farben beider Länder. Ich frage mich, ob ich nicht normal bin, ob ich die griechische Fahne nicht hätte zu Hause lassen sollen. Darf ich das nicht mehr als Grieche?

Ich bemerke wie man mich anschaut, wenn man meine Fahne unter der Jacke wehen sieht. Merkwürdig fühle ich mich, als ob etwas nicht richtig ist. Ich verdränge diese Gedanken, denn ich bin angekommen, da wo ich mit Freunden schaue. Das gibt mir eine gewisse Beruhigung. Schließlich bin ich unter Freunden..

Obwohl, durch die Griechenland Krise habe ich bereits einiges an Häme einstecken müssen – auch von meinen Freunden. Sprüche, gebildet aus Argumenten der Bild und Express und manchmal könnte ich schon an der Unprofessionalität dieser Berichte verzweifeln. Vor allem aber daran, dass viele das was da steht für bare Münze nehmen. Habe ich während der Kohl-Spenden-Affäre z.B. auch Witze darüber gemacht? So gehässige und gemeine? Ich weiß es nicht mehr…

 

Ich sitze also da, unter Freunden, als noch eine Freundin dazu kommt und verschämt ihr Gesicht in der Jacke vergräbt. Oh, ein Grieche, sagt sie. Sie selbst mit teils ausländischen Wurzeln, aber durch und durch Deutsch. Klar, alles nur Spaß, denke ich mir, hat nichts zu bedeuten.. Aber ist dass wirklich so? Vielleicht interpretierte ich auch zuviel da rein.?

Nach 35 Minuten ist noch nichts passiert, wir unterhalten uns, sehen das Spiel. Dann die 39 Minute, Lahm schießt, boom, was für ein schönes Tor. Ich juble mit, rufe Tor und klatsche Beifall, freue mich über die verdiente Führung. Für mich normal.

Halbzeit, alle sind gut drauf. Ich muss auf  die Toilette und die griechische Fahne weht hinter mir. Wieder diese komischen Blicke.. Mache ich hier was Unrechtes? Dann geht schon die 2. Halbzeit los. Zack, Samaras trifft zum 1:1. Auch ein schön, herausgespieltes Tor. Wieder juble ich, rufe Tor und klatsche Beifall. Für mich normal.

Aber diesmal bin ich der Einzige.

Keiner sagt auch nur ansatzweise irgendwas Positives dazu. Warum nicht? Ist es in Ordnung regelmäßig beim Griechen essen zu gehen, in Griechenland Urlaub zu machen, das zu genießen, aber zuviel ein Tor dieser Mannschaft zu honorieren? Weil die politische Lage angespannt ist? Weil es auch in Griechenland negative Stimmen über Deutschland gibt? Weil ich als Fan einer Mannschaft auch nur zu dieser halten darf und es verwerflich wäre sich auch für andere zu freuen? Nicht Jubeln, nein. Einfach nur mit schönes Tor, oder gut gespielt zu kommentieren…

Weiter geht es mit den 2:1, dann 3:1 und 4:1. Jedes mal juble ich mit – es sind schöne Tore, klar juble ich mit. Das 4:2 ist nur noch Schönheitskorrektur, tut nichts mehr zur Sache. Das Spiel ist vorbei und alle klatschen Beifall. Ich auch. Ich freue mich für Deutschland.

Ich frage mich ob sich meine Freunde im umgekehrten Fall auch freuen würden. Ein mir deutscher Fremder, der aus Berlin bei einem meiner Freunde zu Besuch ist und mit uns am Tisch sitzt, streckt mir sein Glas entgegen und sagt: Schade, dass Griechenland raus ist. Ein Fremder! Es gibt doch noch Hoffnung. Ich nehme mein Glas und sage: Schön, dass Deutschland im Halbfinale ist und wir prosten uns zu.

Langsam füllt sich die Stadt mit Fußgängern und Autos, der Autokorso geht los.

Ich verabschiede mich. Muss am nächsten Tag früh raus. Ich ziehe meine Jacke an und gehe zu meinem Fahrrad. Meine Fahne blitzt unter der Jacke hervor. Die Deutschland-Mütze, die ich anhabe, wird gar nicht mehr registriert. Von über mir auf einem Balkon schreit einer: Scheiß Griechen-Schweine . Ich schaue hoch und man streckt mir die Faust entgegen. Wieder brüllt er. Ich schüttle den Kopf, drehe mich ab, steige auf mein Fahrrad und fahr los. Die Straßen sind so voll. Hunderte von Fans kommen mir entgegen. Einige, die meine Fahne entdecken schreien mich an: Looser, griecht nach Hause , Scheiß Griechen. Ich weiche ihren Blicken nicht aus. Was ich sehe erschreckt mich. Deutschland hat doch gewonnen, was wollt ihr denn jetzt von mir?, möchte ich ihnen zurufen. Aber in den Augen sehe ich nur Alkohol und Aggression. Hier passiert etwas. Verwischt im Zuge des Alkoholkonsums und im Freudentaumel etwa die Grenze zwischen positivem und negativem Nationalismus? Fühlte ich mich auf dem Hinweg merkwürdig, so fühle ich mich jetzt absolut deplaziert, ein Alien in einer mir seit ich denken kann doch wohl bekannten, heimatlichen, aber jetzt doch sehr fremden Umgebung. Etwas mulmig ist mir schon zu Mute, als ich endlich an meiner Straße ankomme. Es ist keine weite Strecke, aber sie kommt mir vor wie eine Ewigkeit. In der Stadt in der ich geboren wurde, in der ich aufgewachsen bin und seit eh und je lebe… Nie habe ich vorher so etwas erlebt hätte ich je für möglich gehalten.

Am nächsten Tag höre ich wie ein 7 Jahre altes Kind Griechenland ist doof sagt. Dass man einem Kind so etwas beibringt, das Griechenland noch gar nicht kennt… Ist dies das Resultat auf sein Land stolz zu sein? Seine Kinder mit Vorurteilen gegenüber anderen Ländern voll zu stopfen und für immer zu versauen?

Jetzt sitze ich hier und versuche das Erlebte in Worte zu fassen. Einfach und verständlich, auch für Bild-Leser und RTL II Nachrichten-Gucker. Ich frage mich was und wer ich bin. In Griechenland bin ich kein echter Grieche, weil ich nie wirklich dort gelebt habe. Hier bin ich kein echter Deutscher, weil ich mich auch für Griechenland, oder andere Mannschaften freuen kann? Rechtfertigen der Stolz auf eine erfolgreiche Nationalmannschaft und Halbwahrheiten aus der Bild, oder der griechischen Presse solche Anfeindungen? Ist unter meinen Freunden alles nur Spaß“, oder ist es ganz tief innen drin vielleicht doch das wahre Empfinden?

Trotz allem – ich weiß wer und was ich bin. Ich bin stolz, in einem Land wie Deutschland zu leben und stolz von einem Land wie Griechenland zu stammen. Ich bin stolz, dass ich mich beim Fußball für alle Mannschaften begeistern kann und nicht einem monotypen Muster folge. Ich bin stolz, nicht nach Religion, Hautfarbe, Herkunft oder Sonstigem zu unterscheiden, sondern alle als Menschen anzunehmen und gleich zu behandeln.

Ich bin stolz, dass ich das meinem Kind ebenfalls so weitergebe.

Ich bin nicht nur Grieche.

Ich bin nicht nur Deutscher.

Ich bin nur ein Mensch. Und DU?

 

 

Guten Tag und viel Glück

 

Geschrieben von Thomas Skandalis
Fotos: Thomas Skandalis